Mieses Karma

Wahrscheinlich hat jeder von uns schon einmal unerfreuliche Situationen erlebt, in denen man sich fragt: Warum ich? Warum muss ausgerechnet mir das passieren? Oder: Warum muss mir das immer wieder passieren?

In solchen Situationen auf die Idee zu kommen, es könne eine Art mieses Karma dafür verantwortlich sein, das uns unerfreuliche Erfahrungen beschert, ist leicht verständlich. Spätestens dann, wenn es sich immer wieder um recht ähnliche Erfahrungen handelt, fällt es zunehmend schwer an reinen Zufall zu glauben. Da bietet sich die Idee eines Karmas, welches wir ansammeln und dessen Auswirkungen wir dann entsprechend erleiden müssen, geradezu an.

Doch was bedeutet Karma? Es ist die Vorstellung, dass jede unserer Handlungen – körperlich oder gedanklich – zwangsläufilg Folgen hat. Alles, was wir tun oder denken wird demnach unweigerlich wie eine Art Bumerang irgendwann wieder zu uns zurückkehren – in diesem oder einem späteren Leben. Daher gelangen Einige zu dem Schluß, dass unerfreuliche Erfahrungen, insbesondere wenn diese wiederholt in ähnlicher Weise auftreten, eine karmische Folge von etwas sein müssen, das man in einem früheren Leben erzeugt hat. Man hat etwas „falsch“ gemacht und muss nun die Folgen aushalten. Man muss also sogenanntes mieses Karma abtragen.

Prinzipiell geht dieser Ansatz auch in die richtige Richtung, doch tatsächlich ist die Karmalehre wesentlich komplexer. Denn so stark vereinfacht zusammengefasst, kann schnell eine moralische Wertung mit hinein geraten. Jemand hat etwas Falsches – im Sinne von etwas Bösem – getan und erhält daraufhin seine karmische Strafe. Karma hat aber nichts mit Gut und Böse oder Belohnung und Bestrafung zu tun. Es hat vielmehr etwas mit Ursache und Wirkung zu tun. Wenn man seine Hand ins Feuer hält, sind Schmerzen die Folge, aber selbstverständlich nicht als Strafe für eine falsche Handlung.

Außerdem steht das Karma-Konzept in einem engen Zusammenhang mit der Reinkarnationslehre. Und Letztere geht von einer sich von Leben zu Leben immer weiter entwickelnden – immer bewusster werdenden – Seele aus. Und Karma ist dementsprechend eine Art Naturgesetz, welches dafür sorgt, dass sich die Seele weiterentwickelt.

So betrachtet bekommt die karmische Interpretation wiederholt auftretender unerfreulicher Erfahrungen eine viel tiefer gehende Bedeutung. Die unangenehmen Erfahrungen zeigen uns etwas an, das wir noch nicht verstanden haben. Es muss etwas geben, irgendein Prinzip, das wir bisher entweder falsch interpretiert haben oder dessen Existenz uns noch gar nicht bewusst ist. Die unweigerliche – karmische – Folge davon ist Leid. Und wir werden solange diese Art von unfreulichen Erfahrungen wiederholen müssen – zwangsläufig -, bis wir verstanden haben, um was es geht, und unser weiteres Handeln nach dieser Erkenntnis ausrichten.

Einfach nur mieses Karma verantwortlich zu machen und darauf zu hoffen, dass es irgendwann von alleine vorbei geht, ist keine Lösung. Diese Interpretation gleicht eher einer Ausrede dafür, warum wir sowieso nichts an unserem „Schicksal“ ändern können – und deshalb auch nicht selbst aktiv werden müssen. Doch das karmische Ursache-Wirkung-Prinzip wird uns solange immer wieder mit ähnlichen Erfahrungen konfrontieren, bis wir das Thema schließlich doch bearbeitet haben.

Insofern ist das, was gerne mieses Karma genannt wird, genau genommen gutes Karma. Denn es zeigt uns etwas auf, mit dem wir bisher noch nicht umzugehen gelernt haben, und ermöglicht es uns so, über uns hinaus zu wachsen und immer bewusster zu werden.

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