Magie der Namen

Den Dingen Namen zu geben, etwas zu benennen, soll eine gewisse Magie innewohnen. Warum ist das so?

Ein typisch menschliches Phänomen ist der Glaube, dass wenn wir etwas einem Namen geben, wir dann automatisch auch wüssten, um was es sich dabei handelt. Auch wenn wir uns in aller Regel dessen nicht bewusst sind. Der Mensch benennt etwas und tut dann so, als wüsste er damit alles über das Benannte.

Besonders deutlich wird dieses Prinzip in den Wissenschaften. Ein berühmtes Beispiel ist der Placebo-Effekt. Wenn jemand bzw. etwas heilt, obwohl kein medizinisch nachvollziehbarer Grund dafür vorliegt, heißt es schnell: Placebo! Und alle atmen auf, weil damit das Rätsel aufgeklärt ist. Doch tatsächlich ist nichts aufgeklärt, man hat dem Rätsel nur einen Namen gegeben – mehr nicht.

Aber das gilt natürlich nicht nur für die Medizin, sondern für alle Bereiche. Wenn wir uns anschauen, was Enzyklopedien zum Thema „Leben“ sagen, dann finden wir dort keine tatsächliche Erklärung, sondern nur die Umschreibung dieses Begriffs mit anderen Begriffen. So heißt es z.B. bei Wikipedia: „Leben ist der Zustand, den Lebewesen gemeinsam haben und der sie von toter Materie unterscheidet.“ Dann folgt eine Aufzählung von einigen Eigenschaften, die damit in Verbindung gebracht werden.

Doch was erklärt dies alles? Nichts.

Wenn „Leben“ das Gegenteil von toter Materie ist, was ist denn „tote Materie“?

Leider wird „tote Materie“ nicht weiter erklärt. Doch selbst „Materie“ – ganz allgemein – ist selbst wieder nur eine weitere Folge von „Namen“, mit zugeordneten Eigenschaften.

Das menschliche Bewusstsein hat die wunderbare Fähigkeit, Namen zu vergeben, und dann bestimmte Eigenschaften damit zu verbinden. Und grundsätzlich ist das auch eine sehr hilfreiche und praktische Fähigkeit – vorausgesetzt, wir gehen bewusst damit um.

Denn was geschieht wirklich, wenn wir etwas benennen? Wir begrenzen das Benannte auf einen ganz bestimmten Bereich ein, indem wir – automatisch – bestimmte Eigenschaften damit verbinden. Wir limitieren das Benannte, und damit limitiert sich im zunehmenden Maße auch unsere Offenheit für eventuelle Überprüfungen und Berichtungen in unseren Eigenschaftszuordnungen.

Jeder kennt das Phänomen, dass der Mensch mit zunehmenden Alter zu starreren Ansichten neigt, die es einem schwer machen, sich auf andere Menschen mit anderen Ansichten einzulassen. In der Jugend fällt den meisten Menschen dies hingegen wesentlich leichter. Weil in dieser Phase noch nicht so viel Namen und Eigenschaften vorhanden sind, wie später im Leben.

Außerdem neigen viele Menschen dazu, den Namen eine „Realität“ zu geben, aufgrund der von ihnen zugeordneten Eigenschaften. Auf der persönlichen wie auf der gesellschaftlichen Ebene bekommen die Namen eine wertende Bedeutung – dieser Name = gut, jener Name = schlecht. Und wenn andere Menschen einen dieser Namen zugewiesen bekommen – dieser Mensch ist „x“ oder „y“ -, dann folgt damit ein Rattenschwanz an Zuordnungen, aus welchen sich dieser Mensch kaum wieder befreien kann.

Das sind typische Folgen des unbewussten Umgangs mit Namen. Wir grenzen unser eigenes Denken ein und bewerten andere/s allein anhand der Vergabe des Namens. Wir begrenzen somit unsere Bewusstheit. Und sobald sich die Unvollkommenheit unserer zugeordneten Eigenschaften zeigt, weil die Wirklichkeit nicht unseren Erwartungen entspricht, bekommen wir zwangsläufig Probleme. Außer wir sind uns dieses Phänomens bewusst, und in der Lage, gegebenenfalls auch Korrekturen vorzunehmen.

Schreib einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *