Ist Zeit nur eine Illusion?

Ab und an hört man aus verschiedenen Richtungen – von der Esoterik bis hin zur Wissenschaft – die Aussage, dass Zeit eine Illusion sei. In Wirklichkeit existiere Zeit überhaupt nicht. Doch gleichzeitig nehmen die meisten Menschen sehr wohl die Auswirkungen der Zeit an sich und in ihrer Umgebung wahr. Also, was stimmt nun? Existiert die Zeit oder ist sie tatsächlich nur eine Illusion?

Versuchen wir uns der Beantwortung dieser komplexen Fragen schrittweise zu nähern, indem wir uns zunächst die Frage stellen, wie wir die Welt, in der wir leben – unsere Umgebung, also das, was wir als Realität betrachten – überhaupt wahrnehmen. Offensichtlich sind es unsere Sinneswahrnehmungen, welche uns mit Informationen über die Welt, in der wir leben, versorgen. Mit unseren fünf Sinnen können wir sehen, hören, schmecken, riechen und tasten. Die so gewonnenen Sinnes-Informationen werden über die Nervenbahnen ans Gehirn weitergeleitet und schließlich von unserem Bewusstsein interpretiert. Alles, was wir von der Welt wissen, wissen wir durch unsere Sinne. Hätten wir diese Sinne nicht, wüssten wir überhaupt nichts über die Welt.

Man stelle sich vor, wie es wäre, wenn man nicht hören könnte. Und zusätzlich auch nichts sehen, riechen, schmecken und ertasten. Solch eine Situation ist praktisch unvorstellbar, weil … alles, was wir sind, denken und fühlen, all unsere Erfahrungen und Wünsche – all das gäbe es nicht, wenn wir keine Sinneswahrnehmungen übermittelt bekämen. Es gäbe nur ein endloses ewiges Nichts, in dem wir vor uns hin vegetieren würden.

Nun sind jedoch alle Sinne eine Weiterentwicklung eines einzigen Sinns: des Tastsinns. Beim Tastsinn nehmen Nervenenden Berührungen war – Berührungen von „Objekten“ (ganz allgemein betrachtet). Irgendein Objekt berührt uns und die Nerven geben diese Information ans Gehirn weiter. Über andere Objekte, die uns nicht berühren, erhalten wir keine Informationen. Sowohl beim Sehen als auch beim Hören, Riechen oder Schmecken berühren ebenfalls Objekte speziell entwickelte Körperzellen, deren Grundprinzip der ursprüngliche Tastsinn ist. Ob nun im Ohr eine feine Membran durch Klangwellen zum Schwingen gebracht wird oder im Auge Lichtstrahlen auf speziell darauf ausgerichtete Nervenzellen einwirken – immer handelt es sich im eigentlichen Sinne um eine Berührung.

Weil wir – genauer gesagt unsere Sinne – von Objekten berührt werden (oder wir sie berühren), erhalten wir Informationen über die Eigenschaften der jeweiligen Objekte. Die Summe aller Informationen jedes Objekts, mit dem wir jemals in Berührung waren – sowie all unserer eigenen Interpretationen dieser Informationen -, bilden zusammen das Bild der Welt, in der wir leben.

Und wie nehmen wir Zeit wahr? Wir besitzen offensichtlich keinen Sinn, der uns Informationen über eine mögliche Berührung mit Zeit übermittelt. Könnte dies daran liegen, dass wir solch einen Sinn erst noch entwickeln müssen? Wird ein solcher Zeit-Berührungs-Sinn vielleicht erst später in der Evolution folgen?

Nun, wenn Zeit selbst auch eine Art Objekt wäre, dann müssten wir wahrscheinlich einen solchen Zeitsinn erst noch entwickeln, um das Verstreichen von Zeit überhaupt wahrnehmen zu können. Tatsächlich nehmen wir aber bereits jetzt das Verstreichen von Zeit wahr – auch ohne einen solchen Sinn zu besitzen. Wie ist das möglich?

Bei genauer Betrachtung nehmen unsere Sinne jedoch nicht die Zeit selbst war, sondern nur die Veränderungen der Eigenschaften von Objekten. Unsere Sinne zeigen uns den sich ständig verändernden Stand der Sonne, die rhythmischen Veränderungen in der Natur, die Veränderungen anderer Menschen und auch unsere eigenen Veränderungen, was unser Bewusstsein als Verstreichen von Zeit interpretiert. Tatsächlich handelt es sich aber um ein sich ständig veränderndes JETZT. Es ist unser Verstand, der sich bemüht, die sich ständig verändernden Informationen über die von unseren Sinnen wahrgenommenen Objekte in eine logische Abfolge zu bringen. Zeit haben wir jedoch niemals wahrgenommen … immer nur die Jetzt-Zustände von Objekten.

Und nun die Gegenprobe: Wie ist es, wenn wir nur sehr wenige und/oder geringfügige Veränderungen von Objekten wahrnehmen? Zum Beispiel in einer Situation, in der wir allein sind, alles still ist und wir auf etwas oder jemanden warten müssen. Wenn nur die Veränderungen des Objekts „Uhr“ Informationen darüber liefern, wie lange wir noch warten müssen. Die meisten Menschen haben in solchen Situationen das Gefühl, die Zeit würde dahinkriechen, oder sogar geradezu stillstehen. Warum? Wegen der geringen Veränderungen der Objekte.

Und was geschieht, wenn wir uns auf etwas oder jemanden so stark konzentrieren, dass wir alles andere um uns herum dabei vergessen? Sobald diese Konzentration nachlässt, oder irgendwie gestört wird, nehmen wir plötzlich wahr, wie sehr sich die Eigenschaften der über unsere Sinne wahrgenommenen Objekte verändert haben – selbst wenn es sich dabei nur um das Objekt „Uhr“ handelt. Die meisten Menschen haben in solchen Situationen das Gefühl, die Zeit wäre dahingerast, viel schneller als normal vergangen. Warum? Wegen der plötzlich erkannten starken Veränderungen der Objekte.

Was können wir also tatsächlich über das Phänomen „Zeit“ sagen? Nicht viel. Genau genommen sogar nichts. Denn wir haben keinen Zeit-Berührungs-Sinn. Zeit ist offensichtlich nur ein Hilfskonstrukt unseres Verstands, um Informationen einordnen zu können. Ob es in der Welt so etwas wie Zeit gibt, wissen wir nicht. Nur eines ist sicher: Die Existenz eines sich ständig verändernden JETZT.

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